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Schwarzer Schnee Erzählungen & Das Album der Signora 2009 Zytglogge |
Ich bin zwar ungläubig, aber auf den Unglauben ist ebenso wenig Verlass wie auf den Glauben. Als mich ein paar Stunden später die Katze anfiel vor der Gupfhütte, glaubte ich bereits ans Jüngste Gericht.
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Luftballon Schon im Flur rief Luc: “Nonno, juhuu.“ Niemand antwortete. Die Signora deutete bscht, Nonno schlafe, gleich dürfe Luc ihn aufwecken. Aber sie hielt den Kleinen am Ärmel zurück und flüsterte: „Jacke und Schuhe ausziehen, damit du aufs Bett klettern kannst.“ Luc setzte sich auf die blauen Fliesen, um die Klettverschlüsse schneller aufzureissen. Dann stürmte er durchs Wohnzimmer: „Nonno, eine Überraschung kommt.“ Unter der Schlafzimmertür lüftete er das Geheimnis: „Ich.“ Als die Signora zwei Tassen Milch wärmte, rückten die beiden an. Luc hielt den Kopf gesenkt, um keinen Schritt von Nonno zu verpassen. Im königsblauen Bademantel schien der Signore den Stock kaum zu gebrauchen, die freie Hand hatte er auf Lucs Schulter gelegt: „Deine Fussballer treten an zur gemeinsamer Stärkung vor dem Match.“ Die Signora wollte die Milch schon eingiessen, halt, erst brauchte Luc den Ball. „Nonna, du musst keine Angst haben, wir tschutten mit dem Luftballon vom letzten Mal.“ Hokuspokus, aufgemacht den Spielzeugschrank. Luc zog ein schrumpliges Weichei hervor. Lucs Mund zitterte und Nonno sagte schnell: „Wenigstens fliegt der Ballon nicht in den Himmel. Die Luft ist raus.“ Witwe bei Tag und bei Nacht
Die Signora hätte den chassidischen Spruch nie lesen dürfen. Sie strengte sich derart an, ihn zu vergessen, dass er ihr nicht mehr aus dem Kopf wollte, er fiel ihr mitten in der Nacht ein, wenn sie ihre linke Schulter umbetten musste, und wenn sie bei Tagesanbruch aufstand, schwamm er zum Willkomm im Morgenkaffee. <Hätte er zu wem zu reden gehabt, er lebte noch.> War ich niemand, fragte die Signora. Niemand antwortete. Angelika Boesch | Daniel Rothenbühler | Roland Erne | Charles Cornu Die Berner Schriftstellerin Maja Beutler meldet sich (endlich) wieder zu Wort: Eben ist ein Band mit Erzählungen erschienen ein Buch, in dem „alle Tonlagen des Menschseins“ anklingen, wie der Literaturwissenschaftler Daniel Rothenbühler im Vorwort schreibt. 12.03.2009 „Nur auf Hunger bleibt Verlass“ Daniel Rothenbühler “Weibliche Ästhetik reiche selten über Widerstand hinaus“, zitiert die Theaterregisseurin Pinnemann in Maja Beutlers Erzählung „Ein Sommerlochtstraum“ den Ausspruch der Filmregisseurin Margarethe von Trotta. Der Text relativiert diesen Ausspruch als Zitat und signalisiert, dass er keineswegs dem Selbstverständnis der Autorin entspricht. Deren Schaffen steht für eine weibliche Ästhetik (auch wenn sie diesen Anspruch nicht selbst erhebt), die die Statik der Positionen und Fronten in die Dynamik des Positionswechsels und der Frontenverschiebung verwandelt. Widerstand wird in den Texten Maja Beutlers immer wieder zu produktivem Widerstreit. Das prägt auch diesen neuen Erzählband und auf fast modellhafte Weise „Ein Sommerlochstraum“. Die Regisseurin Pinnemann sieht sich gezwungen, mit dem Bühnenbildner Wörlitz zu streiten, um eine Inszenierung „der Beutler“ zu ermöglichen. Da Wörlitz bei freien Regisseuren nur auf Pflicht macht, „bei Regisseurinnen einen Daumenbreit drunter“, muss die Pinnemann mehrere Register ziehen: Geduld, Humor, Einfallsreichtum, aber auch Entschiedenheit, Hartnäckigkeit und Gedankenschärfe. So vermag sie Wörlitz nicht nur für ihre Inszenierungspläne zu begeistern, sie entwickelt anhand seiner Äusserungen auch kostbare Ideen und entlockt ihm hilfreiche Tipps. Er sieht sich ernst genommen und macht schliesslich voll mit, sie setzt sich durch und gewinnt hinzu ein Muster für einen Genderstreit, in dem beide Seiten gewinnen. Der Titel der Erzählung spielt auf Shakespeares „Sommernachtstraum“ an, in dem auf mehreren Ebenen Streit zwischen den Geschlechtern herrscht, aber dank der mehrschichtigen Verwicklung auch Versöhnung hergestellt wird. Als heiter-bissige Travestie der Shakespeare-Komödie erweisen sich sowohl die Inszenierungsidee der Pinnemann wie Beutlers Erzählung selbst. Die Shakespeare-Komödie basiert auf der grundlegenden Einsicht, dass unser Handeln und Reden immer von einem Schattenspiel innerer Bilder getragen wird. Davon geht auch Beutlers Erzählweise aus. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass nur eine Darstellung mit mehreren „Spielflächen“ unsere verschiedenen Lebensdimensionen zu Vorschein bringt. Im Dialog geübt Das ist seit ihren literarischen Anfängen ein Grundanliegen Maja Beutlers. Sie hat in ihren Texten immer eine dialogische Erzählweise und eine Pluralität der Perspektiven entfaltet. Im Dialog geübt hatte sie sich schon ab 1984 in den Radiobeiträgen „Zum neuen Tag“. Im ersten Erzählband „Flissingen fehlt auf der Karte“ machte sie dann gleich von den erzählerischen Möglichkeiten des Perspektivenwechsels Gebrauch. Mit diesem Erzähldebüt und den weiteren Publikationen in den 1970er und 1980er Jahren hat sie wesentlich zu dem beigetragen, was heutige Literaturgeschichten als „Aufbruch der Frauen“ in der deutschsprachigen Literatur der Schweiz bezeichnen. Wenn das Schreiben der Frauen aber hauptsächlich durch die Stichwörter „Subjektivität“, „Ich-Bücher“ und „Frauenprotokolle“ charakterisiert wird, hilft der Blick auf Beutlers Werk, dieser Verengung der Vorstellungen über das weibliche Schreiben entgegen zu treten. Gewiss, Beutlers erster Roman „Fuss fassen“ von 1980 hat auch Protokollcharakter und enthält Ich-Erkundung und Selbstvergewisserung. Er ist aber zugleich sehr viel mehr. Das zeigt sich zum Beispiel in seinem zentralen Kapitel „Vatersprache“. Während „Vatersprache“ in der feministisch orientierten Literaturtheorie der 1970er Jahre nicht zu Unrecht der Tradition des monologischen Sprechens zuordnet wurde, erweist sie sich in Beutlers Text als von Grund auf dialogisch, ja polylogisch. Eine krebskranke Frau greift den Dialog mit ihrem verstorbenen Vater wieder auf, versucht in einem seiner damals an sie gerichteten Sätze „Fuss zu fassen“ und entwickelt daraus einen Dialog auf mehreren Ebenen, einen Polylog eben: mit dem verstorbenen Vater, mit sich selbst, mit ihrem Sohn und mit ihrem Mann. Der Text zeigt, dass „Fuss fassen“ nicht im blossen Rückgang auf sich selbst möglich ist, sondern nur in der Wechselrede, in der Vervielfachung der Perspektiven und in einem Selbstverständnis, das die eigene Subjektivität als „Molekulargitter“ mit unzähligen „Kristallisationsmöglichkeiten“ begreift. Diese Pluralität der Sicht- und Redeweisen hervorrufen und erfahrbar machen kann nur ein Schreiben, das seine Darstellungsweisen vervielfacht. Das mag mit ein Grund sein, warum Maja Beutler zu den wenigen Frauen ihrer Generation in der Schweiz zählt, die mehrere Theaterstücke schrieben und erfolgreich zur Inszenierung brachten. Sie hat dabei besonders 1994 mit ihrem letzten Stück, „Lady Macbeth wäscht sich die Hände nicht mehr“ auch die schmerzvolle Erfahrung gemacht, dass das Theater bis in die 1990er Jahre eine für Autorinnen schwer zugängliche Männerbastion geblieben ist. „Ein Sommerlochstraum“ ist auf diesem Hintergrund auch als der gelungene Versuch zu sehen, bittere Erfahrungen in einen bissigen Schwank zu verwandeln. Diese Fähigkeit, Verletzungen, Krankheit, Tod und Trauer mit Ironie und Heiterkeit zu verarbeiten, ist in Beutlers literarischem Schaffen ab „Fuss fassen“ immer deutlicher hervorgetreten und gelangt nun in der vorliegenden Erzählsammlung zur vollen Reife. Distanz und Intimität Die Reifung hat ihre Zeit gebraucht. Aufgrund von längeren krankheitsbedingten Erschwernissen hat Maja Beutler ab 1996 während zwölf Jahren nur noch vereinzelte Erzählungen veröffentlichen können. Der nun vorliegende Erzählband beweist, dass sie in dieser Zeit, wann immer möglich, am Schreiben geblieben ist, auch wenn sie die Texte nicht bis zu Veröffentlichung bringen konnte. Und er beweist auch, dass sie nichts von ihrer Gestaltungskraft verloren hat. Es gelingt ihr in diesem Buch, die spannungsreiche Vielfalt der Texte mit einer strengen Geschlossenheit der Komposition zu verbinden. Elf Einträge ins „Album der Signora“ bilden das Rückgrat des Textkorpus. Seine Fülle erhält er durch wiederum elf längere Erzählungen. Die Signora erinnert von fern an männliche Beobachter- und Denkerfiguren wie Monsieur Teste bei Paul Valéry oder Herrn Keuner bei Bertolt Brecht. Wie die beiden verkörpert die Signora eine wachsame und kritisch reflektierende Zeugenschaft gegenüber allem, was sie erlebt. Konkreter aber als die beiden lässt sie die Geschehnisse an sich herankommen und wird durch sie eher belehrt, als dass sie sie aus höherer Warte und mit grösserem Vorwissen kommentiert. Ein Album (von lateinisch „albus“ = weiss) ist ja ursprünglich ein Buch mit weissen Seiten, in dem Besucher ihre Begegnung mit dem Gastgeber bezeugen. So hält auch die Signora einfach fest, was ihr begegnet, manchmal mit einem pointenhaften Schluss, wie in einer Anekdote, manchmal mit einer vielsagenden Anspielung, wie in einer Parabel. Als „Signora“, also eigentlich Herrin, bewahrt sie uns Lesenden gegenüber Distanz, wirkt aber zugleich auch als Gastgeberin, gibt uns Einlass in ihr Album und Einblick in ihr Innerstes eine reizvolle Mischung von Distanz und Intimität. Wer „Fuss fassen“ gelesen hat, wird sich zudem an die „Signora“ erinnern, als welche Pedroni dort die krebskranke Schreiberin anspricht. Durch diese Reminiszenz verbindet sich die Figur der Signora auch mit Vorstellungen von Lebensklugheit und Todesnähe. Der ganze Band „Schwarzer Schnee“ greift so noch einmal die Themen auf, die Maja Beutlers Werk seit ihren Anfängen bewegt haben: Lebenslust und Lebensekel; Ehe und Familie als Glück und als Beengung; Krankheit, Alter, Tod als sinnlose Zumutungen; Befreiungsversuche und das Bewusstsein, dass sie scheitern müssen; die Hoffnung auf die Sprache und der Verdacht, dass sie am Unheil teilhat. Das alles ist nicht neu. Aber in den neuen Texten wird es auf kunstvolle Weise radikalisiert und zur Groteske verdichtet. Den Auftakt dazu bildet „Sightseeing“ mit der mageren Marlies, die in einer schlaflosen Nacht in einem Pariser Hotel in einer Wohnung gegenüber einen „Frauenkoloss mit langen Haartroddeln“ erblickt und von diesem Zerrspiegel üppiger Weiblichkeit in Bann gezogen wird. Sie ertappt sich nicht nur als „Spannerin“, die im fülligen Leibesglück der andern zunächst die Erwartung des noch verborgenen Mannes vermutet, sie merkt auch, dass sie selbst „nach der anderen hungert, dass sie sich diesen gewaltigen Frauenbrocken einverleiben möchte, der ihr so vollkommen fremd ist, dass er sie sättigen würde. Kannibalinnen-Alltag stände auf dem Metalltäfelchen am Schaukasten zu lesen“. Der Anblick der „massigen Körperkonturen“ der Frau im Nachbarhaus weckt in der mageren Marlies einen Lebenshunger, der sich unmittelbar physisch äussert als kannibalischer Appetit auf „eine feiste Wade à la Parisienne“. Alle Tonlagen des Menschseins Im Phantasma des kannibalischen Hungers vereinigt sich nach Sigmund Freud die Gier nach anderen mit dem (unbewussten) Eingeständnis, dass diese Gier sie vernichtet. Diese Ambivalenz durchzieht fast alle Erzählungen in „Schwarzer Schnee“. Damit greift Maja Beutler ein Motiv wieder auf, das schon in „Fuss fassen“ angeklungen hat. Die krebskranke Schreiberin sagt dort von sich, „ich bin hungrig nach warmem, frischem Leben“, fährt aber zunächst fort, „ich möchte mich aufreissen, ich möchte mich umpflügen, nur um es endlich einmal zu spüren.“ Die Gier, die anderen gefährlich werden könnte, wird noch zurückgebogen auf die Gierige selbst. In „Sightseeing“ wird dieses Dilemma aufgelöst in die, im wörtlichen Sinne, bissige Ironie eines dionysischen Kannibalismus. Aggressivität und Zerstörungslust erscheinen im ganzen Erzählband sowohl als Gefahr wie als Chance. In „Die Ausgestopften“ leidet eine Ehefrau unter den tödlichen Automatismen ihres Ehelebens und des „Kulturkuchens“ und phantasiert: „Ach, dass jedes Wort ein Zahn wäre, ein Reisszahn ins lebendige Fleisch“. Im „Sommerlochstraum“ stellt sich die Pinnemann umgekehrt den tödlichen Ausgang eines Schattenspiels „Ehe von innen“ vor: „Gockel und Huhn hängen kopfüber am Fleischerhaken mit zusammengebundenen Laufzehen und picken aufeinander ein, bis dass der Tod sie scheidet“. Keine der in diesem Erzählband dargestellten Ehen ist frei von Verletzungen, die die Partner einander durch ihr blosses Zusammensein zufügen. Und zugleich ist keine dieser Verletzungen schmerzhafter als der Verlust des anderen. „Ein Jammer ist mein Mann nicht schon Witwer“, sagt die todgeweihte Ich-Erzählerin in „Schwarzer Schnee“, „offenbar möbelt es jede Ehe auf.“ Das klingt wie viele der pointierten Formulierungen dieser Texte nach witzigem Sarkasmus, verweist aber auf ein Leiden der Menschen aneinander, das durch Verluste nicht beendet, sondern verdoppelt wird. Gerade durch prononcierte Distanziertheit werden Maja Beutlers Darstellungen von Todesnähe, Tod und Trauer ergreifend. „Kleine Auferstehung“, der letzte Eintrag ins „Album der Signora“ fasst zum Schluss des Erzählbandes diese Poetik der Distanziertheit zusammen: „Böser Blick? Die Signora hatte das Kind doch ohne jeden Widerwillen betrachtet. Allerdings auch ohne Erbarmen. Hiess das nicht eher, ‚den Tatsachen ins Auge sehen’“? Dieser nüchterne Blick weckt bei den Lesenden in dem Mass Gefühle, wie die Texte darauf verzichten, sie zu benennen. Tröstlich bleibt dabei nur der Fortbestand des Hungers: „Nur auf Hunger bleibt Verlass. Ein Glück, dass wir Viecher sind“, stellt der trauernde Ehemann in „Die Lachmöwe“ fest. In „Schwarzer Schnee“, der Titelerzählung, bleibt der Sterbenden in ihrer Abrechnung mit dem „allmächtigen Versager“, dessen „Schöpfungsflop“ die gläubigen „Ranschmeissfliegen“ auf den Leim gehen, nur eins: „Den ganzen lieben Morgen wollte ich mir einverleiben, keinen Windhauch, kein Blatt würde ich auslassen.“ In „Kleine Auferstehung“ schliesslich lässt der kleine „Bauchwulst“ eines Neugeborenen uns hoffen, dass aus der Todesasche des schwarzen Schnees wieder Leben entsteht. So bringen uns Maja Beutlers Texte neben dem Trauern- und Hadernkönnen auch unzerstörbare Lebenslust bei. Sie lassen alle Tonlagen des Menschseins anklingen und verzichten konsequent nur auf jene der Rührseligkeit. Umso freier gehen sie mit dem Wechsel von Heiterkeit und Ernst, Ironie und Sachlichkeit, Sarkasmus und Empathie um. Die Autorin beherrscht diese Registerwechsel mit dem Spürsinn, der grosse Literatur auszeichnet. Texte voll Lebenshunger Von Charles Cornu
Aktualisiert am 06.03.2009 Elsbeth Pulver Sterben und auferstehen Maja Beutler, Schwarzer Schnee. Erzählungen & Das Album der Signora. Zytglogge Verlag, Oberhofen am Thunersee, 2009, 229 S. Auffallend lang, rätselhaft in seiner Doppelform, so mag der Titel des neuen Buches von Maja Beutler auf den erste Blick wirken. Als wäre er eine Spiegelung jener mehr als ein Jahrzehnt dauernden Zeitspanne, die zwischen den letzten Büchern der Autorin und diesem in mancher Hinsicht überraschenden, neuartigen Werk liegt. Vor allem die dem Haupttitel beigefügte Ergänzung (es ist etwas anderes als ein Untertitel), dies seltsame «Das Album der Signora», mag aufmerksame Leser je nachdem überraschen, befremden, anziehen. Daniel Rothenbühler, der das Buch mit einem subtilen und präzisen Nachwort abschliesst, weist mit Grund auf zwei gegensätzliche Textsorten hin, aus denen das Buch komponiert ist: auf der einen Seite längere Erzählungen, die unter dem eigenen Titel auftreten, und daneben, in regelmässigem Wechsel mit den längeren vermischt, die ungewöhnlich knappen, z. T. aus wenigen Zeilen bestehenden Prosastücke des «Albums der Signora». Dass sich in diesem Gegensatz auch eine sogar numerisch nachweisbare Zusammengehörigkeit ausmachen lässt, fällt auf: Elf Erzählungen bilden sozusagen das Grundmuster des Ganzen; daneben konstituieren elf kurze oder kürzeste Texte das «Album der Signora». Elf, das ist keine runde, im Dezimalsystem verwurzelte Zahl, auch nicht eine, die das Dutzend voll macht. Etwas Ungerades läuft da mit, das in kein Schema passt, gerade deshalb zu diesem sorgfältig gebauten Buch passt. Die grossen Erzählungen vor allem «Schwarzer Schnee» und «Die Lachmöve » rufen die ersten Texte von Maja Beutler in Erinnerung, mit denen sie damals, in den siebziger Jahren, die Literatur von Frauen wesentlich mitgeprägt hat. Ungeachtet der langen Pause schreibt sie auch jetzt an ihren Lebensthemen fort, die wohl allesamt Überlebensthemen sind: Krankheit und Tod, Leiden und Einsamkeit, und immer wieder eine nie erfüllte Sehnsucht nach Lebensintensität, einer fast körperlichen Aneignung der Welt. Aber der Ton ist jetzt finsterer geworden, der Humor härter; er neigt zu einer Groteske, die nichts Freundliches an sich hat. Nicht dass «Fuss fassen», der Erstlingsroman von 1980, als Trostbuch hätte gelesen werden können aber er war, anders als das neue Buch, erfüllt von einer unbesiegbar wirkenden Lebensenergie. In «Schwarzer Schnee» dagegen, diesem letzten, zum Teil halluzinatorischen Gang einer Schwerkranken, unternommen mit schwindenden Kräften aufwärts in eine satirisch-folkloristisch gezeichne143 Kritik und Kommentare te Voralpen-Welt in diesem nicht zufällig als Titelerzählung gewählten Text ist von Anfang an die Ahnung des Endgültigen und Ausweglosen eingezeichnet, gegen das sich die Ichfigur weder mit klagenden, noch sehnsuchtsvollen, noch aufbegehrenden, noch aggressiven Worten wehren kann. Ungleich weniger scharf zugespitzt, aber gerade deshalb bewegend und fern von aller Sentimentalität, ist «Kleiner Gast», eine so präzise wie behutsame Annäherung an ein wohl rettungslos verlorenes Kind, dem weder die Schwester noch der Arzt helfen kann und auch der Vater nicht, der das Kind zum wievielten Mal? in die Klinik zur Therapie bringt. Die Sprache und die Namenwahl dieses berührenden Textes erinnern an die früheren Bücher, stellen so, unauffällig, die Kontinuität des Werkes her. Pedrazzini so heisst der Vater in «Kleiner Gast» evoziert eine wichtige Figur in «Fuss fassen» und im ersten Drama «Das Marmelspiel»; aber nicht zufällig wählte die Autorin dort keine Verkleinerungsform! Pedroni, das war ein Schneidermeister, den die Hauptfigur von «Fuss fassen» im Wartezimmer der Klinik traf, und der, selber wohl bereits ein Verlorener, sie anredete, weil er fühlte, dass die noch junge Frau am Ende ihrer Kraft war. Aber nicht Mitleid oder Trost liess er sie fühlen, damals, er rief ihre Tapferkeit an, die sie, älter geworden, jetzt wieder braucht und auch wieder mobilisieren kann. Er, Pedroni war es, der sie als «Signora» anredete, und damit trotz der Distanz, die im Wort liegt, eine Art Verwandtschaft begründete. Das «Album der Signora» enthält unausgesprochen auch eine späte Hommage an diesen längst verstorbenen, auf eine besondere Art hilfreichen Menschen, eine Erinnerung an dessen Noblesse. Nicht zu übersehen, dass der Anflug von Heiterkeit und Humor, der im «Album der Signora» aufblitzt, den übrigens wenig zahlreichen Auftritten der Enkelkinder zu verdanken ist, in denen die zur Nonna gewordene Signora die Schärfe der Satire vermeidet und auch jenen «bösen Blick», den eine Freundin in einem allerletzten, zuerst angstvollen, dann erlösenden Text der Ichfigur vorwirft («Kleine Auferstehung», siehe nächste Seite). Aber auch in scheinbar unbeschwerten Sätzen ist Trauer, sind schmerzhafte Einsichten versteckt. Nein, es sei niemand da, sagt der kleine Enkel am Telefon dem Anrufer, nur die Grossmutter die durch diesen Kindermund erlebt, wie man zu Lebzeiten zu einem Niemand werden kann, wie man ohne bösen Willen der anderen unversehens aus der Welt fällt. Gerade in diesen kürzesten Prosastücken zeichnet sich eine für die Autorin neuartige, überaus reizvolle Form ab, der man auch künftig begegnen möchte. Neue Zürcher Zeitung Badische Zeitung Ingeborg Gleichauf |
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Die Stunde, da wir fliegen lernen Roman 1994 Nagel&Kimche |
Das erste Mal oh, wie mich diese Wendung immer entzückt hat, wie ich nur sie beherrsche und keinem überlassen will. Noch das erste Mal sterben, und mir soll’s ein Vergnügen sein.
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Der Vorleber
Fürs Anfangen bin ich der Meister, der vom Himmel gefallen ist. Vorleber müßte ich werden. Das wäre die passende Marktnische für mich. Alles, was einer zum ersten Mal tut, nähme ich ihm ab: würde an seiner Statt die engen Geburtskanäle der Mutter weiten, für ihn den ersten Atemzug tun und die Brust ansaugen, bis die Milch einschießt, mich in der Wiege zum ersten Mal aufsetzen würde ich, mir die ersten Schühchen anziehen lassen, für den andern den ersten Schritt wagen, und warum nicht ein erstes Wort krähen: «Mimmi», das Gebrabbel danach überließe ich ihm, da säße ich schon im Kindergarten, verschränkte die Arme vor der Brust und könnte zum ersten Mal korrekt auf dem Stühlchen sitzen, ich malte mein erstes Strichmännchen, zur Not vielleicht noch ein erstes Haus mit einer Sonne drüber, dann legte ich den Buntstift in die Hand des anderen und griffe zum Kugelschreiber, um den ersten Buchstaben zu schreiben mit der Zunge zwischen den Zähnen, und schwupps, könnte der andere sich drauf beißen, ich rechnete schon zwei und zwei zusammen, zöge die Summe zur Hälfte ab, multiplizierte mit sich selbst, und wenn die Gesetzmäßigkeit mir allmählich aufdämmerte, gäbe ich den Stuhl frei und wechselte zum Klavier, striche zur Probe mit dem Handrücken über die Tastatur, paff, schlüge ich schon mit beiden Fäusten drauf rum und versuchte es mit den Ellbogen, dann ginge ich zur ersten Stunde, mit sauberen Fingernägeln und aufgeregt vor Eifer, ich könnte die Finger nicht richtig auf die Tasten bekommen, und wirklich, ich müßte mir zum ersten Mal den Tennisball in der hohlen Hand vorstellen, aha, so also, ich übte zum ersten Mal ein Liedchen, und noch ehe der erste Schnee gefallen wäre, rackerte sich mein Nachleber Tag für Tag sein Stündchen lang am Klavier ab, während ich längst Englisch zu lernen begonnen hätte, I am, you are, he is, ganz voller Entzücken radebrechte ich mein erstes Sätzchen; und bevor ich die Korrektur dreimal ins Reinheft geschrieben hätte, übernähme der andere die Strafe, und ich müßte inzwischen überlegen, ob ich die Hellblonde aus der B-Klasse anmachen oder sie einfach Schwertfeger überlassen sollte, ach, diese unsägliche Scheu, wenn ich ihren Namen zum ersten Mal hinter ihr her flüsterte und die Frage hervorwürgte, ob sie nicht meine Pizza streicheln möchte; nur dies eine Mal erregte es mich, daß sie mich mißverstehen und puterrot anlaufen würde, und zum ersten Mal wäre ich Herr der Lage, weil ich sie aufklären könnte, und im Moment, da sie den Hund wirklich streichelte, preßte ich sie zum ersten Mal gegen den Lattenzaun gleich neben der Garage, und verwirrt spürte ich die Erregung einschießen, ach, daß ich ein einziges Mal zurückkönnte und wieder zum ersten Mal zu küssen vermöchte, während ich die Kleine dem andern im übrigen vollkommen gönne, nicht einmal weiß, hatte das Mädchen blaue Augen oder braune, das hat sich der andere gemerkt, ich verfaßte inzwischen schon den ersten Brief an sie: «Du bist das Salz meines Lebens», den Satz, den ich mir gewünscht hatte, einer Frau zu schreiben, ehe die Empfängerin festgestanden hatte, ach, er las sich einfach zauberhaft, der andere konnte sich die Fortsetzung aus den Fingern saugen, da hatte ich schon zum ersten Mal eine Affäre mit einer reifen Frau, mein Gott, dreizehn Jahre Altersunterschied, wie vollkommen ruhig ich Leni in Stauffers Stall zog und ihr zum ersten Mal sagte, es sei unwichtig, was sie mir schenke oder nicht schenke, wenn es ihr nur besser ginge, und ich kochte ihr den ersten Kräutertee, und als ich ihr die Tasse reichte, bebte ich zum ersten Mal vor Glück, derart selbstlos lieben zu können, ich übergab die verheiratete Frau nur keinem andern, weil ich zum ersten Mal von der Eifersucht gebeutelt wurde, wie es ein zweites Mal gar nicht vorstellbar ist, ich leckte das erste Mal eine Türklinke, weil sie in ihrer Hand gelegen hatte und stellte ununterbrochen die Nummer ihres Mannes ein, nur um zum ersten Mal im Leben einen Affen aus mir zu machen, ich zertrümmerte zum ersten Mal eine Fensterscheibe, weil ich einen Moment lang geglaubt hatte, Lenis Augen blickten mich dahinter an, ich sah zum ersten Mal ein, daß es so nicht weitergehen konnte, und gab zum ersten Mal ihrem Drängen nach, uns ein Weilchen nicht zu sehen, und in diesen furchtbaren Tagen der Vernünftigkeit meldete sich eine ganz neue Sehnsucht; es war das erste Mal, daß ich innerhalb von ein paar Stunden alterte, als gehörte mir nun die Zeit nicht mehr, wir müßten uns auf etwas ganz anderes, ganz Neues einstellen, um noch einmal zusammenkommen zu können, und so schrieb ich ihr zum ersten Mal, daß ich ein Kind wolle, ein Kind von ihr, sie könne sich auf mich verlassen, ich würde ein guter Vater werden, ach, es war das erste Mal, daß ich nichts begriffen hatte und so ganz und gar zu spät kam mit einem Gefühl, sie hatte die Sache mutterseelenallein entschieden, sie war schon zurück von diesem schrecklichen Eingriff, und zum ersten Mal schrie ich vor Angst über das Mißverhältnis, und als sie die Tür hinter sich zuzog, war ich zum ersten Mal erleichtert, daß eine Frau mich verließ, und doch jagte ich ihr hinterher. Es war das erste Mal, daß ich sie vollkommen verstand und mir selbst vollkommen lächerlich wurde, und ich umklammerte sie und flüsterte zum ersten Mal, daß ich ohne sie nicht leben könne, und zum ersten Mal streichelte die Frau das einfältige, verstörte Kind, zu dem sie mich gemacht hatte, sie ging zum Auto und winkte zum ersten Mal, als dächte sie an etwas anderes, und ich verstand, daß meine Eifersucht auf ihren Mann zu kurz gegriffen hatte, er erschien mir nun lächerlich, während schon die endgültige, die desperate Eifersucht nach mir griff. Und so fuhr ich ihr zum ersten Mal hinterher und schlief im Wagen vor ihrem Haus, und als sie heraustrat, rief ich ihren Namen, und sie wandte sich nicht um, und als ich telefonierte, hörte ich zum ersten Mal nur ihren Atem im Hörer und verstand, daß sie nun jedesmal auflegen würde, wenn sie meinen Atem hörte, also würde ich es bleiben lassen. Ja, ich hatte begriffen, und doch war es das erste Mal, daß der Nachleber auch jetzt noch nichts zu erben fand, nicht einmal ihren Namen hätte er mir nachschreiben dürfen, als ich mich Abend für Abend über die weißen Briefbogen beugte, anderthalb Wochen lang, und immer war es der erste Abend, immer hoffte ich, schlagartig ein anderer zu werden, wenn ich ihr nur ein Wort zu schreiben vermöchte, als fiele mir etwas Neues zu mir selbst ein, ich schrieb ihren Namen, zwei, drei Seiten, ohne abzusetzen schrieb ich ihren schönen, kleinen Namen, und ich weinte zum ersten Mal, weil Papier dennoch Papier bleibt, ich zerriß es vor Schmerz, und ich lernte zum ersten Mal die Sehnsucht nach dem leeren Schlaf kennen, was zählen Träume, wenn ein Ende sein muß in allem? |
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Das Bildnis der Doña Quichotte Erzählungen 1989 Nagel&Kimche |
Alle Sätze sind Zäune, und man müsste eigentlich das andere sagen, das, was dahinter liegt, dort wächst das Gute, wie Gras. Aber kann man Grasbüschel ausreissen und in eine Vase stellen?
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Guter Mond, du gehst so stille Im Labor sitzt das junge Paar Hand in Hand und verfolgt am Bildschirm, wie die Zelle sich teilt, grandios, die Spaltung erfolgreich, ein Embryo zuckt, er fächert schon aus, und wässrig fluktuiert die Nabelschnur; es krümmt sich der Fötus; sieh das Ereignis, zwei Fäustchen, zwei Beinchen und drüber geneigt, oh mein Gott, dieser Schafskopf; aber schon höhlen sich die Augen, es stülpt sich die Nase, es wölbt sich die Stirn, und schau, wie es nuckelt am eigenen Knie, oh Wunder der Wunder, plus Wickelkurs, Schoppenkurs, Atemgymnastik; wir sind soweit, sagt die Hebamme, Muttermund knapp talerweit offen; am Monitor flimmern die Zickzackkurven, Herztöne normal, sagt der Arzt, Geburt voll im Gang, nur dieses Becken, hergottnochmal, atmen Sie tiefer, pressen Sie stärker, das Kind am Bildschirm ist eingekeilt, pressen, pressen; und noch ein Stoß und schon der Schrei:
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Die Wortfalle Roman 1983+1990 Nagel&Kimche |
Alle Sätze sind Zäune, und man müsste eigentlich das andere sagen, das, was dahinter liegt, dort wächst das Gute, wie Gras. Aber kann man Grasbüschel ausreissen und in eine Vase stellen?
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Ja, die Polizeiwache kam ihm tatsächlich wieder als Oase vor. Oder gab es Zeitenklaven? Die Uhren draußen waren längst vorgestellt nur hier wurde gestern gespielt. Allein dieser Ofen: eine schwarze, gußeiserne Säule, vorn hatte sie einen schweren Klappdeckel mit einem verschnörkelten Griff und dem eingegossenen Schriftzug: <Gebr. Kamm>. |
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Fuss fassen Roman 1980 Zytglogge |
Signora, passen Sie auf mit dem Denken, morgen, die Zukunft … wir müssen den Verstand in die Ecke stellen wie ein geladenes Gewehr.
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Gerhard Beckmanns persönliche Bibliographie
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Ich lebe schon lange heute, Signora Aber jetzt ist die Gegenwart explodiert, Pedroni, und wer hätte etwas Besseres zu hoffen gewusst? Sie selbst würden mir recht geben: Der Soldat war eingekesselt zuletzt. Aufgegeben hat er nicht, nein, allem zum Trotz nicht, Pedroni, aufgegeben haben Sie nicht, das kann sich nur das Kanonenfutter leisten. Sie sind aufgerieben worden, ich sehe es erst jetzt: schlohweisse Haare, und vor drei Wochen noch … aber ich will nicht mehr hinschauen, es geht mich nichts an, was Sie auch nichts angeht. Alles ist Staffage hier drin, das Gesicht mit den geschlossenen Augen, die Kerzen, das Spitzenhemd, die gefalteten Hände, nein, das geht uns beide nichts mehr an. Aber da ist ein Missverständnis, Pedroni: ganz voller Freude bin ich hergekommen, mit einem Hochzeitsstrauss, und ich weiss, das hatten Sie verstanden, nur gerade Sie, und ich hätte gesagt: «Jetzt ist alles gut geworden, Pedroni, Sie müssen nicht mehr sterben, und ich, ich lebe weiter», und ganz gesammelt wie immer, ja, ganz gesammelt hätten Sie mir zugehört und gesagt . . . . Aber es ist anders, alles ganz anders. Ich stehe allein da und wirke lächerlich, und die Blumen wirken lächerlich, ja, ganz voller Einfalt bin ich hergekommen, voll einfältiger Freude, <ich werde ihn sehen>, habe ich geglaubt, gegen jede Vernunft. Sie wissen, Signora, welche Einfalt? Wir sind mit ihr . . . sagen wir: ganz zu Hause in uns selbst, und auf einmal kann uns die Natur wieder tragen wie Pflanzen, ja, das ist der Ausgleich gegen die Krankheit. Wir können uns gar nicht mehr zu Grunde denken, Signora. Wir schlafen immer vorher ein, ja, dass wir todmüde sind, macht auch vieles leichter. Nein, Pedroni, ich bin nicht müde, überhaupt nicht mehr, ich will leben, nein, mehr will ich, gegen alle Vernunft: <ich lebe und du sollst auch leben>, so ist die Einfalt, denn was wüsste ich besseres zu hoffen mit meinem Verstand? <L'aria dolce>, sagen wir in Italien, Signora, jetzt ist sie da, die Wärme, etwas Zartes überall, ich habe es zu Signor Kasser gesagt gestern: «Wunderbar, die Welt, Anfang Mai, und Ihr Park, Signor Kasser, nie ist er schöner gewesen, all der weisse Flieder, nur die Braut fehlt.» Nein, Pedroni, durchsichtig ist die Welt geworden Anfang Mai, ganz durchsichtig, wie Dottersäcke von jungen Fischen, ein Netz von haarfeinem Geäder über dem pulsenden Vorrat, alles kann reissen, und dann. . . wir haben es beide gewusst, Pedroni. Ich wollte nur einen Augenblick Atem schöpfen, Signora, aber plötzlich hat Kasser gesagt: «Ich brauche wieder einen Anzug, Pedroni, unbedingt, die Maschine und den Zuschneidetisch haben Sie ja behalten. Kommen Sie morgen noch einmal vorbei, mit den Stoffmustern, das braucht nicht viel Kraft, Sie wissen es vom letzten Mal: Eine Viertelstunde das Ganze; dann machen wir es wie gewohnt, Sie nähen, wenn immer Sie können oder mögen, und ich, ich warte auf alle Fälle, Sie kennen mich ja, Pedroni.» «Ja, Signor Kasser, ich kenne Sie», habe ich gesagt, «und deshalb will ich ganz ehrlich sein, und wir wollen es beide sachlich nehmen: Ich komme nicht mehr vorbei mit den Stoffmustern, denn es ist endgültig, diesmal, Signor Kasser, jetzt bin ich am Boden. Nein, schauen Sie mich nicht so an, ich bin ganz. . .sagen wir: nüchtern. Ich weiss, Ihre Schuld ist es nicht. Aber meine ist es auch nicht, Signor Kasser. Wer weiss, vielleicht ist es die Schuld von Gott dem Allmächtigen. Aber mir ist es lieber zu sagen: «Es ist die Schuld von niemandem.» 10 000 Strahleneinheiten, mitten durch, das ganze Netz platzt, und jetzt, jetzt, Pedroni, alles nur leere Haut, so ist die Welt jetzt, ganz leer, innen. Aber wir beide, Pedroni? Man muss die Tür zumachen können, Signora, und die Welt Welt sein lassen. Denn was bleibt uns anderes übrig, Signora? Wenn wir hinaustreten, weicht sie nur weiter zurück, die Welt, als ob wir sie auffressen wollten. Oder zu wem dürfen Sie reden von der Angst, Signora? Sobald Sie anfangen davon, machen Sie selber Angst, den Nächsten am meisten. Wissen Sie, was ich glaube, Signora? Schweigen ist eine Art. . . sagen wir einmal: es ist unser Liebeszeichen. Wir müssen schweigen lernen, wie die kleinen Kinder reden lernen. So ist es eingerichtet. Manchmal denke ich, die Krankheit hat alles verändert bei mir, überhaupt alles. Jetzt stehe ich leise auf in der Nacht, wenn der Husten schlimm wird, und ich gehe hinunter in die Küche, nehme ein paar Tropfen Novalgin gegen das Ärgste und sitze dann auf dem Schemel und halte mir die Hand vor den Mund. Manchmal muss ich selber lachen: So also sieht die Liebe aus, die reife, Signora: In die Küche schleichen, damit der andere ein bisschen schlafen kann und alles vergessen. Reden Sie, Pedroni, reden Sie. ich bin nicht die Welt, ich bin das andere und muss ein Stück dazu gewinnen, das heisst doch reden. Pedroni, Sie wissen Bescheid, gerade Sie, nur Sie. Ja, ich schliesse die Faust ganz fest, jedes Wort will ich halten, ich will, aber ich trage nur Luft herum: <Eitel, alles ganz eitel>, ... Nein, Signora, es hat nichts zu tun damit, dass einer sagen kann: <Ich glaube an Gott>, das ist doch . . . sagen wir: Theorie, Signora, und ich bin nicht Priester geworden, wie meine Familie wollte, weil . . . Spekulation, Theorie, Signora, das alles ist nicht meine Sache. Ich bin... ja: Ganz praktisch bin ich eben. Ich glaube an den Menschen, und darum habe ich Vertrauen, Signora, und Sie, Sie haben keins. Stellen Sie sich doch einmal vor den Spiegel und schauen Sie hinein. Dann können Sie ihn sehen, den Menschen. Aber jetzt, hier, vor meinen Augen, Pedroni, ist alles spiegelverkehrt, ihr Körper ist da und will mich narren, die Haare, die geschlossenen Augen, wie soll ich sehen, so, dass niemand da ist? Was wissen wir denn, Signora? Nicht einmal was ich anstelle in meiner Brust, was ich mir selber zubereite mit diesen Zellen, die ich zu schnell produziere und aufeinandertürme, nicht einmal das weiss ich. Aber wenigstens kann ich es erdulden, und dafür nützt kein Wissen. Sie müssen aufpassen, Signora, mit dem Denken. Auf einmal drehen Sie im Kreis, und überall sehen Sie Tod. Aber ich möchte nicht reden davon, Signora, und mich befassen damit. Der Tod ist nicht unsere Angelegenheit, Signora. Wir dürfen ihm nichts geben von uns. Alles ist doch gegeben, Pedroni. Nur ich, ich denke jetzt an Ihr Leben, an nichts anderes denke ich, und ich will leben für zwei, ich will Ihr totes Gesicht vom Gesicht reissen, ich will Ihr wirkliches sehen, ich will den Finger drauf legen und sagen <dieses bleibt, denn ich lebe>. Aber alles eitel, ganz eitel, Pedroni. Das ist doch Unsinn: Auf dem Balkon herumliegen, in Decken verpackt. Das sind alles Bilder, die sich meine Frau ausmalt: Krank, aber glücklich, Pantoffeln statt Schuhe. Ich will es anders, Signora, so, wie ich will, will ich es, und deshalb gehe ich in den dreckigen Wirtshausgarten hinüber und bestelle ein Bier. Zugegeben, es ist nichts Besonderes, wackelige Metalltischchen und Stühle, fürs Jüngste Gericht wäre es zu unbequem. Aber so will ich an die frische Luft, genau so, Signora. Ich bestelle mir ein Bier, die Serviertochter bringt ein kariertes Tischtuch und klemmt es fest, und dann sitze ich da und schaue zu, wie die Leute vorbeigehen und wie sie lachen und sich grüssen, und so gefällt es mir erst richtig, Signora, mitten in der unbekümmerten Welt, ja, danach habe ich Heimweh, Signora, denn so bin ich selber auch gewesen. <Du sollst dir kein Bildnis . . .>, ja, Pedroni, aber was bliebe jetzt anderes zu machen? Bilder bleiben, alles Missverständnisse, haarfeine, ein ganzes Nerz von Missverständnissen in meinem Kopf. Aber was hält das Netz zusammen? Den leeren Dottersack oder den Fisch? Tausend Dummheiten, Nichtigkeiten, Kleinigkeiten, Signora, die es nicht einmal wert sind, erwähnt zu werden, wie Wasser rinnt mir alles zwischen den Fingern durch, ein Tag nach dem andern. Da, hier, schauen Sie: Da habe ich einen Brief hingelegt, damit Francesca ihn gleich mitnimmt. Er muss den heutigen Stempel tragen, Signora, sonst ist uns die Wohnung automatisch gekündigt. Und? Signora? Wo ist jetzt der Brief? Meine Frau hat ihn wieder hinaufgelegt in mein Schlafzimmer, einfach so, weil sie irgend etwas anderes denkt, immerzu. Keiner überlegt, was es braucht, eine Treppe hinunterzusteigen, mit meinem Husten. Aber das ist es auch gar nicht, was ich meine, Signora. Das Leben, das Leben verrinnt. Und wofür? Aber es heisst nur: <Jetzt ist er eben nervös.> Nein, ich bin nicht nervös, ich habe keine Zeit mehr für Krimskrams. Sie reut mich, die Zeit, jede Sekunde, jede, jede. Nein: Das Wesentliche, Pedroni, den Funken zwischen Entweder und Oder möchte ich noch einmal erleben. Aber niemand ist da, nur das Missverständnis, die Hände, der Kopf, kein Funke mehr, alles nur Erde zu Erde, ich habe es gewusst, und doch bin ich gekommen, denn hier ist der einzig sichere Ort. Hier kann ich sehen <er ist nicht da.> Das ist ein Anfang. Denn zu Hause, Pedroni, öffne ich jede Tür und sehe leere Zimmer, ich weiss es zum voraus, aber ich öffne doch. Nein, es ist anders, Pedroni: Ich furchte mich, eine Tür zu öffnen, ich weiss, es liegt keiner da, es sitzt keiner in einem Stuhl, es hustet keiner, es redet keiner. Ich fürchte mich überall, Pedroni, weil Sie nirgends sind, und ich bleibe mitten in jedem Zimmer stehen und bin gefasst, das Missverständis der Missverständnisse werde sich aufdecken, plötzlich . . . <und die Erde wird aufreissen> ... Ich fürchte mich, Pedroni, <in der Welt habt ihr Angst> ... ja Angst, Pedroni, Angst . . . <aber seid getrost> ... Ich heisse Giuseppe Pedroni, Sie entschuldigen, Signora, dass ich Sie einfach anrede, heute morgen. Was ist mit Ihren Augen, auf einmal, Signora? Und es ist das erste Mal, dass Sie mir nicht zugenickt haben, seit wir beide bestrahlen. Vielleicht haben Sie . . . sagen wir einmal: einen schwarzen Tag. Ich kenne mich aus, Signora, ich bin schon drei Jahre an der Front, gewissermassen. Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Sie gehen jetzt zur Behandlung, und ich, ich warte auf Sie in der Cafeteria beim Eingang. Verstanden? Verstanden, verstanden, verstanden, toc, toc, toc, ich lege das Ohr an die Wand, toc, jedes Klopfen ein Wort, toc, jedes Wort ein Ausweg, toc. Signora, ich hole Ihnen einen Kaffee, doch, doch, doch, das kann ich. Hören Sie über den Husten weg, ich und er, wir werden gleich alt werden, so oder so. Trinken Sie einen Schluck, Signora, Strahlenreaktion? Aber das ist es nicht, Signora, nicht wahr? Es ist das andere. Ganz allein ist man eben auf einmal, Signora, ich weiss. Aber drehen Sie den Kopf: Für alle hier ist es dasselbe. Alle müssen die Faust aufmachen, wenn sie jemanden gern haben, alle, Signora. Das kann man lernen, loszulassen meine ich, aber gern haben muss man vorher können. Es ist wie im Krieg, Signora. Man wird nicht ein anderer, aber es zeigt sich mehr, wer man ist. Es gibt Leute, die sind Soldaten, und es gibt andere, die sind Kanonenfutter. Heute sind Sie drauf und dran sich aufzugeben, ich sehe es in Ihren Augen. Aber es passt nicht zu Ihnen, Signora. Es liegt nicht in Ihrer Natur. Sie können ja nicht aus ihr herausfallen, und Sie werden immer Ihr erster Arzt bleiben, lange bevor die andern Ärzte antreten. Ja, Signora, weinen tut gut. Schämen Sie sich nicht. Und die andern . . . wissen Sie, Signora, alle hier haben bittere Hoffnungen, einer wie der andere. Warum schütteln Sie den Kopf? Zu Hause, Pedroni, ich bin zu Hause gewesen bei Ihnen, darum bin ich hergelaufen, ich wollte wieder zu Hause sein, ich wollte sehen, wie Sie ganz in sich selbst zu Hause sind. «Gott der Allmächtige», habe ich geschrien und bin vom Stuhl aufgesprungen, «Professore Lanz, was wollen Sie mir eigentlich sagen?» Der Blitz aus heiterem Himmel, vor drei Jahren, Signora, gewiss habe ich gehustet, aber kaum vierzehn Tage lang, nach einer Grippe. Professore Lanz hat mich kommen lassen und mir die Bilder gezeigt, eine Kapazität, der Professore, Tag und Nacht in der Klinik, ein Mann von grossem Format, Signora, letzten Monat ist er einmal um zwei Uhr nachts zu mir gekommen und bis am Morgen sitzen geblieben an meinem Bett. «Herr Pedroni, halten Sie jetzt durch», hat er zu mir gesagt. Ja, ein guter Mann, der Professore Lanz. Was kann et dafür? Er hat mir alles erklärt, vor drei Jahren, haarklein, aber ich glaube, ich habe gar nicht zugehört, oder gar nichts verstanden, zuerst, ich habe genickt und mich einverstanden erklärt mit der Operation, sofort, aber ich habe nichts verstanden. Ich habe einfach gesagt: «Wenn es nötig ist, ich habe Frau und Kind, Professore, ich habe Pflichten, da gibt es nichts zu überlegen.» Aber ich habe nichts verstanden. Und da sagte Professore Lanz: «Lösen Sie vorher Ihr Geschäft auf, Herr Pedroni.» Ich habe gelacht. Ganz richtig, jetzt erinnere ich mich wieder: Ich habe gelacht, und dann bin ich aufgesprungen: «Ich habe acht Angestellte, und meine Frau arbeitet mit. . , Professore Lanz, wollen Sie sagen, ich kann nicht arbeiten nach der Operation? Wie lange nicht? Ein halbes Jahr? Oder ein ganzes?» Da hat der Professore sein Lineal genommen und gespielt damit. Hoffen, hoffen, hoffen, operieren und hoffen, drei Monate hoffen, und bestrahlen und hoffen und hoffen und hoffen und wieder operieren und sieben Monate hoffen und hoffen, hoffen, in Gottes Namen hoffen, ja, dann eben hoffen. Was meinen Sie, Signora? Das Leben ist doch nicht mein Feind, nur weil ich es nicht mehr durchschauen kann. Ich sage mir immer: Wenn es einen Gott gibt, Signora, dümmer als ich kann er ja nicht sein, der grosse Gott. Sehen Sie, ganz nüchtern überlege ich. Am Abend vor meiner zweiten Lungenoperation bin ich noch einen Augenblick auf den Balkon hinausgetreten und habe ein bisschen in die Sterne geschaut. Manchmal kommt man sich eben . . . sagen wir: man kommt sich verloren vor, Signora, und da ist es am besten, den Kopf in den Nacken zu legen und die ungeheuren Distanzen zu betrachten. Ich bin ein einfacher Mann, und Genaues weiss ich nicht, aber diese Distanzen - doch, ich kann mir viel Grosses vorstellen, Signora, und warum also sollte ein grosser Gott, weit über mir, nicht sehen, was ich selber auch sehe? Ich rede vom andern Hoffen, Pedroni, von der Endlosschraube: bestrahlen und hoffen und hoffen und operieren und hoffen . . . Ja, Signora, Sie, Sie hoffen auch, Sie sind doch ein Mensch. Was wollen Sie anderes sein? Jeden Morgen, wenn Sie mir durch den Gang entgegenkommen, denke ich: <Sie ist die leibhaftige Hoffnung.> Ja, Signora, Sie werden durchhalten, ich weiss, ein, zwei Jahre, und die Forschung kommt Ihnen zu Hilfe; Sie sind noch ganz ungebrochen, Signora. Für mich, wissen Sie - nach drei Jahren Front. . . Aber sagen wir einmal: Ich hoffe, Signora. Nein, Pedroni, sagen Sie es nicht wieder. Hoffen, hoffen, ich fürchte diese Tretmühle. Das Leben fällt auseinander, ein Stein vom andern, und wir hoffen, hoffen, immer tiefer und tiefer hoffen wir, so ist der Mensch, medizinisch getestet in tausend Rattenversuchen, nein, nein, ich nicht, ich fange nicht an zu hoffen, ich werde mich wehren, zu hoffen. Gegen ein Unrecht muss man sich wehren, Signora. Dem Dottore Schwander habe ich vor der letzten Bronchoskopie die Hand aus meinem Schlund gerissen. «Passen Sie endlich auf, Dottore», habe ich ihm gesagt, «ich empfinde, ich spüre, ich bin ein Mensch, falls Sie es vergessen haben. Und Sie sind ein Pfluscher und entschuldigen sich nicht einmal bei mir. Ja, drauflos pfuschen Sie, ich kenne mich aus, seit drei Jahren macht man mir die Bronchoskopie. Jetzt werde ich Ihnen etwas beibringen, Dottore. Ich bin nur ein Schneider. Für Sie, Dottore, zähle ich nicht einmal. Aber ich, ich habe mein Métier beherrscht, erstklassig, und ich, ich musste aufhören damit, wegen der Krankheit. Sie dürfen noch arbeiten, Dottore, Sie dürfen. Rufen Sie Professore Lanz, damit Sie es endlich lernen.» Aber es gibt eine Hoffnungsrutschbahn, Pedroni, Sie weichen mir aus, es gibt den Mechanismus, und wir sehen jeden Tag, wie er funktioniert: Der kleine Eggimann sitzt da mit erloschenen Augen und kann nicht mehr reden. Aber er schreibt auf kleine Zettel: «Danke, es geht schon besser.» Nein, nein, ich will nicht, dass es mich erwischt, nein, ich hoffe nicht, ich bin gesund, ich kann es beweisen, nach der Formel <ich beweise es ja>: Wer am kränksten ist, hofft am meisten, also hoffe ich gar nicht, dann hin ich am gesündesten, ich beweise es ja, wer am kränksten ist, hofft am meisten, also . . . Alles ein Dreh, Pedroni, alles eine Tretmühle, Angst, Signora, ja, wir haben alle Angst, Warum erschrecken Sie? Sie gehört zum Leben, nicht zur Krankheit, Signora, die Welt ist voll Angst, schauen Sie sich doch um. Manchmal liege ich wach und denke: Sie muss ein Berg sein, die Angst, ungeheuer, und ich, ich habe nur ein Steinchen davon und kann es kaum aushalten. Aber es muss irgendeinen Sinn haben, Signora, das Ganze. Es ist nichts einfach umsonst im Leben. Ich weiss nicht, ob ich recht habe, aber eine Welt ohne Angst, Signora . . . vielleicht gäbe es dann gar kein Erbarmen mehr. So sehe ich das. Denn jetzt schaue ich manchmal die andern an und. . . ja, Signora. . . sie gehen mich alle etwas an. Aber jetzt ist die Gegenwart explodiert, Pedroni, und es hat mir auch gegolten, ich merke es immer deutlicher, denn vorher bin ich ganz zu Hause gewesen, aufgehoben, geborgen, allem zum Trotz, und jetzt stehe ich hier und . . . <wer sind meine Brüder, wer meine Schwestern? > Es ist doch nur für ein paar Tage diesmal, Signora. Man wird mir das Blut austauschen, und eigentlich bin ich nur wegen der Verdauung hier. Die ewigen Medikamente, ich weiss es genau, ich vertrage die Medikamente nicht, und ich sage meiner Frau immer wieder: Ich müsste nur den alten Kräutertee haben aus Catania, ja, Signora, es gehört alles zusammen, ich spüre es genau: nur diese . . . Einheit fehlt mir hier. Die Gedanken, die Kost, die Luft, es muss alles zusammenpassen, ich weiss es genau, ich müsste den Kräutertee wieder nehmen. Aber wissen Sie, was ich mir vorgenommen habe, Signora? Sobald ich mich ein bisschen erholt habe, fahre ich nach Catania zu den Brüdern, Sie wissen doch: Zwei sind Ärzte, der andere Rechtsanwalt, ja, in zwei, drei Wochen, denke ich. . . Man kann nicht gesund werden ohne diese . . . diese ganz grosse Einheit. Die Luft ist anders, die Gespräche, und erinnern Sie sich an die Herzlichkeit da unten? Ja, Signora, dort in der Wärme, dort kann ich atmen, ja, ich werde atmen können in Catania, sogar wenn der Scirocco bläst. Ich erinnere mich: Der Scirocco, der hat manchmal geblasen, das können Sie sich gar nicht vorstellen, Signora - der Onkel blieb mitten auf der Strasse stehen, weil es ihm die Soutane aufwehte. Ja, ich bin ganz voller Bilder, auf einmal, und ich lache, hier in meinem Bett, für mich ganz allein, weil ich den Onkel wieder sehe, wie er sich das schwarze Kleid zwischen die Knie klemmt und den Hut mit beiden Händen festhält und sagt: «Siehst du, Peppino, siehst du, wie es bläst? Aber all das ist nichts gegen das Treiben der Hölle, und in die Hölle wird ein Mann von den Frauen getrieben, denk daran, Peppino, keiner kennt die Ehe besser als ich, bei mir beichten sie, und ich falle in die Knie vor dem Herrn, dass er mich verschont hat mit diesem Elend der Welt. Versprichst du, Pfarrer zu werden?» Oh, Signora, alles ein Traum, ein grosses Gemälde in mir selber, ganz Sizilien. Sie werden sehen: Ich fahre nach Catania in zwei, drei Wochen. Ich beweise Ihnen jetzt gerade: Es geht schon wieder aufwärts mit mir. Wissen Sie wie? Ich stehe jetzt auf und begleite Sie im Mantel bis zur grossen Schwingtür, doch, doch, doch, das kann ich, und ich schaue Ihnen sogar noch ein bisschen nach, wie Sie weggehen, Signora. Ein ganz harmloses, einfaches Sätzchen, nein, ich fange nicht au zu weinen, ich werfe die Zeit durcheinander, nicht einmal die Erinnerungen gehören mir, Abschiedsbombast, ein Credo nach dem andern alles. <ich schaue Ihnen noch ein bisschen nach, wie Sie weggehen, Signora.> Es gibt andere Erinnerungen, Pedroni, ganz andere: Verlegen, so ist es doch gewesen, so, ganz zuletzt. Ich habe zur Nachtschwester gesagt: «Den Valpolicella will ich auf dem Nachttischchen haben, basta.» Warum immer Blumen? Weisse Lilien womöglich, die vom Felde . . . Ich bin doch kein Heiliger, auf einmal, und bis ich dreissig war und heiratete . . . sagen wir einmal: Als Mann, jedenfalls, habe ich gelebt. Was sollte mich plagen, Signora? Ich weiss genau, was mir jetzt noch fehlt: Irgendeine. . . ja, eine Einheit, anders kann ich es nicht sagen, der richtige Ausdruck fallt mir nie ein. Aber in Catania . . . Sie verstehen doch, was ich meine, Signora? Denken und essen und . . . aber ich habe es vorher schon gesagt. Meine Brüder werden mich anders umsorgen, als es hier ein Arzt überhaupt kann, vielleicht, weil ich selber ein anderer sein werde, dort unten, es gehört alles zusammen. Meine Brüder - sie haben alle studiert, ich weiss nicht, ob ich es schon gesagt habe, Signora - aber wir bilden eine Einheit, trotz allem, gerade jetzt merke ich es: TORNA SUBITO - CASA SEMPRE APERTA haben sie letzte Woche telegraphiert, aber das habe ich wohl schon gesagt . . . Nein, nein, Pedroni, Sie haben nichts mehr gesagt, nur ganze Wortschwälle sind zwischen uns gekommen, alles gelogen. Pflanzen haben kein Gehirn, Signora, keinen Verstand, das habe ich gelesen. Pflanzen haben nur einen allereinzigen. . . sagen wir einmal: Gedanken. Das genügt zum Wachsen, Signora, nur ein Befehl, nur ein allereinziger Impuls. Freude. so war es doch, Pedroni, so bin ich hergekommen, allem zum Trotz, die Unvernunft ist ausgebrochen wie zurückgehaltenes Feuer, ich habe gehofft, ganz ohne Verstand, ich kann es. Ich kann sagen: «Jetzt müssen Sie nie mehr sterben, und ich, ich lebe weiter.» Ich kann einen Hochzeitsstrauss bringen. Die Verkäuferin hat gefragt: «Ist er für die Braut, oder den Bräutigam?» Und ich habe die Achseln gezuckt: «Eher fürs Leben der beiden.» Nur der Flieder ist weiss, Pedroni. Sie müssen ja nicht mehr sterben. Hellblauer Rittersporn, Malven, einmal dunkelrot, einmal fast rosig, zitronengelbe Rosen und okkerfarbene Zinnien mit schwarzen Augen, den ganzen Sommer wollte ich bringen, und fünf Feuerlilien, Feuer zu Feuer, Pedroni, das Leben brennt, unsere fünf Monate, alle sollen aufleuchten, denn nichts mehr gehört der Krankheit, ich will die Erde spüren, ich will in die Welt. <L'aria dolce>, etwas Zartes ist überall, Signora. Ja, hier sind Sie nicht, aber in der Welt draussen werde ich Ihnen näher kommen, die Zeit gehört mir, Pedroni, ich öffne die Tür wieder: Alles ganz voll Gegenwart, jetzt, ich spüre den Kies unter meinen Füssen, Pedroni, ich sehe die Bäume, ich habe Hände, und Füsse, und Augen, ich bin ganz gesund jetzt, ganz gesund. Das haben vielleicht nur wir, diese radikale Gesundheit, Signora, ganz plötzlich, ganz absolut: ein richtiger Rausch, immer wieder, von Zeit zu Zeit. Dann bin ich ganz frisch und übermütig, ich kann es nicht erklären. Aber ich stehe auf mit einer Lust - das hat man alles nicht gekannt früher. Meine Frau ist immer hilflos: «Jetzt kannst du doch nicht aus dem Haus gehen», ruft sie dann, und immer kommen ihr gleich die Tränen, poverina. Sie kann es einfach nicht fassen: «Gestern hast du doch Spritzen gebraucht und Sauerstoff, und was willst du heute wieder? Autofahren?» Ich fahre vom Friedhof weg in unser italienisches Restaurant, jetzt ist es ganz leicht zu reden mit Ihnen, Pedroni, nichts mehr zwischen uns, kein Missverständnis, ich lebe weiter und habe keine Angst, Sie haben es mir doch beigebracht, Pedroni: <Es ist nie unser Feind, das Leben>, ja, Pedroni, ja. Ich bestelle die calamaretti fritti, ich bestelle den frascati secco, ich bestelle die macedonia di frutta, mit ganz frischen Früchten, Sie haben es mir beigebracht. Essen wir nicht irgendetwas, Signora, das können sich nur die Gesunden leisten. Essen wir GUT. Jetzt sind die roten Kirschen an der Zeit, ich beisse auf die Gegenwart, Pedroni, sie knackt mir zwischen den Zähnen. Die Zukunft den Gesunden - aber das Heute uns beiden. Jetzt, jetzt komme ich zu mir ohne Rückhhalt, ich beerdige Sie in einem Rausch von Leben, Pedroni, und Ihre alte Erfahrung feiert in mir Auferstehung. Den ganzen Sommer spüre ich, Pedroni, ich höre die Wolken, zum ersten Mal, ja, es gibt immer mehr Dinge zwischen Himmel und Erde. Fünfzehn Titel aus zwei Jahrhunderten Zu seinem Aufsatz über die Schweizer Literatur hat Gerhard Beckmann fünfzehn Titel ausgewählt, die ihm wichtig erscheinen - unter bewußter Ausklammerung der allerjüngsten Produktion: eine subjektive CH-Bibliothek. |
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Flissingen fehlt auf der Karte Geschichten 1976 Zytglogge |
Und nun, meine Damen und Herren, Platz gemacht für die absolute Weltsensation: DER MANN MIT DEM NEUEN GEFÜHL Lesebeispiel: |
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Die Sache mit Flissingen steht nicht fest Flissingen fehlt auf der Karte. Wir können annehmen, dass es 60 000 Einwohner hat, eine Hauptstrasse mit Geschäftshäusern zu beiden Seiten, zwei Kirchen, eine katholische und eine lutheranische, die Marienkapelle und ein Heimatmuseum. Nördlich der Stadt, am Fluss, hat man römische Funde gemacht: 5 Münzen, 3 Wasserkaraffen (Amphoren) und 3 Lanzenspitzen. Ein Schwimmbad ist geplant, und letztes Jahr ist in der Grundschule eine fünfte Klasse eröffnet worden. Ein literarischer Erstling? Von <Erstling> ist diesem Buch wenig anzumerken. Maja Beutlers Sprache hat Profil, die Satze sind präzis, die Satzfolgen stimmen. Mit wohldosierten Mitteln versteht es die Autorin, Personen oder Vorgänge darzustellen, Environnements griffig zu skizzieren. Sie weiss, wie man Dialoge, aber auch, wie man innere Monologe schreibt. Ihre Geschichten spielen auf mehreren Ebenen zugleich und verweben kunstvoll, doch mühelos Lebenssituationen mit ihren Möglichkeiten, die Gegenwart einer Figur mit ihrer Vergangenheit und Zukunft. Bürgerlicher Alltag gewinnt dadurch Perspektive, die auf Realitäten verweist, wie sie dem Raster des Nur-Realismus entgehen. «Flissingen fehlt auf der Karte», «Es lässt sich auf keiner Karte ausradieren»: diese beiden Sätze, die eine der Geschichten eröffnen und schliessen, stecken das weite Feld der Wirklichkeit ab die Maja Beutler in ihrer Prosa entfaltet, sensibel und diszipliniert, imaginativ und dennoch (oder gerade deswegen?) bedrohlich lebensnahe. Keine gemütliche Lektüre, scheint mir. Aber ein Buch, das zu mehrmaligem Lesen beinahe zwingt. |
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